Best Case Scenario 

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Maha Kumbh Mela

Der Versuch, das Unbeschreibliche zu beschreiben

Ich bin da ja hingefahren, weil ich glaubte, dass es das Abgefahrenste ist, was es gibt – so überhaupt.
Und bin da ja weggefahren – und wusste, dass es wohl das Abgefahrenste ist, was es gibt – so überhaupt.

Man kann so ein bisschen was recherchieren über die Kumbh Mela, auch gibt’s ne Doku, wie (un)passend der Titel: “Shortcut to Nirvana”.
Ist die Kumbh Mela natürlich nicht – wenn es überhaupt ein Nirvana (call it “Himmel”, “Erleuchtung”, dort wo 80 Jungfrauen auf dich warten – whatever) gibt, dann gibt es sicherlich keine Abkürzung dorthin.

Ich bin da also nicht aus religiösen oder spirituellen Gründen hingefahren – auch wenn dazu Indien generell und die Kumbh im Speziellen einiges zu bieten haben.
Schon gar nicht werfe ich mich in die Drecksbrühe aka holy ganga und hoffe, damit Unsterblichkeit zu erlangen.

Was zu erfahren war im Vorfeld: Ein Fest(ival) der Superlative. Die größte Menschenansammlung aller Zeiten – da muss sich Indien ja eh nicht verstecken, aber hier geht es um die Fläche. Über knapp 2 Monate schlagen auf kleinem Gebiet, also dort wo Ganges, Yamuna und der mythologische Fluß Saraswati zusammen fließen, 110 Millionen Menschen auf. Es gibt heilige Badetage, der Hauptbadetag am 10. Februar mit erwarteten 60 Millionen Menschen. In der Berichterstatttung danach war meistens von 45 Millionen die Rede. Ich hab mir immer vorgestellt, ab wieviel Millionen Menschen es wohl total egal ist, wieviel es tatsächlich sind. Auch jetzt danach bin ich nicht schlauer. Es waren unglaublich viele, kaum zu überblicken, wir sind 4 Tage lang in jede Himmelsrichtung stundenlang gelaufen an tausenden Camps mit jeweils tausenden Menschen vorbei. Wir haben sicherlich nur einen Bruchteil gesehen. Aber das hat schon gereicht, allein diese Bilder zu verarbeiten wird noch Wochen und Monate nachhallen.

Die ersten Tage waren schon abgefahren. Die schiere Größe zu erfassen. Die Hindus am Ganges zu beachten, wie sie sich – ich kann es nicht wertschätzender ausdrücken – diese Brühe über den Kopf schütten. Ein fester Glaube hilft wohl über so vieles hinweg. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse über die Qualität des Ganges-Wassers lassen keine Zweifel zu. Muss man aber ja nicht haben, wenn man glaubt. Und das tun sie, die Inder. Vermutlich wie keine andere Nation, wie keine andere Religion, dem Hinduismus.

Ich kann mir das ja nur so ein bisschen ausmalen: Da gibt es ein Fest, das Fest des Kruges, die Kumb Mela. Vier Tropfen sind auf die Erde niedergegangen, die vier auserwählten Orte, an denen alle 4 Jahre das Fest des Kruges stattfindet. Und alle 12 Jahre gibt es dann das richtig große Fest. Und alle 144 Jahre dann das richtig richtig große Fest. Bei diesem waren wir dabei. Die Maha Kumbh Mela.  Und wenn man so ein Hindu-Leben führt, gehört es dazu – oder zumindest hat man den großen Traum – einmal im Leben auf das Kumbh Mela zu gehen. Ist ja nicht so wie bei mir, also uns, uns Westlern, uns Deutschen, uns unfassbar Reichen (auch wenn sich das im eigenen Land anders anfühlen mag!), wo ich mir denke: Cool, kuck ich mir mal an, Flug gebucht, vorher noch ein bisschen in Goa chillen und After Hour auf den Andamannen.. ganz ernsthaft, so war die Planung, so hat es stattgefunden, da werden die Unterschiede schon sehr, sehr deutlich. Das mich das beschämt habe ich mir in den vielen Jahren des Reisens zumindest teilweise abtrainiert, da das auch keinem weiterhilft. Aber abgelegt habe ich nicht das Bewußtsein darum: Also nochmal, ein Leben lang spart sich die indische Familie vom fast-leeren Munde ab, was geht, damit die Reise zur Kumbh irgendwann mal drin sein möge.. und dann wird die Reise angetreten, auch das nur Spekulation, aber ich würde wetten, da sind ganze Dörfer Wochen bis wenige Monate unterwegs, zu Fuß, weil sie die (sehr wenigen) Rupien für die Bahn nicht haben. (Obwohl auch der Staat vieles für die Pilger tut, hunderte Sonderzüge jeden Tag zu und von Allahabad weg, um nur ein Beispiel zu nennen.) Auf dem Kopf das Hab und Gut, in Säcken zusammen geschnürt das Kochgeschirr und die Tücher – zum schlafen, gegen die Kälte. Und es war wirklich kalt, sicher auch oft genug gegen 0 Grad. Vor Ort wird dann ein Camp gesucht oder war schon lange geplant. Zum Lieblings-Baba gehts, die Tribes treffen sich, die Hares – natürlich auch die Hippies dürfen nicht fehlen, die westlichen Weltbürger treffen sich im Rainbow-Camp. Jedes Lager ist offen, überall Bühnen – es wird gechantet, gelesen, es gibt Theater, Brot und Spiele – wie auf jedem guten Festival. Brot gibts, ich möchte fast sagen, en masse. Teilweise sind die Babas und ihre Camps wohl mit 10.000$ und mehr ausgestattet, zweimal am Tag gibt es dann die Speisung. Aufgereit sitzen dann die Pilger da, in der ersten Runde werden Bananenblätter als Teller ausgeteilt, teils kunstvoll geschwungen als Teller mit mehreren Schälchen. Ökologischer Tip für jedes Festival, das was auf sich hält! Weiter gehts mit Reis, Gemüse, Dal, Brot. Jeder bekommt und jeder bekommt ausreichend. Auch hier wird der Charakter deutlich: Es ist ein Freudenfest, kein Mangel soll spürbar werden..

So gab es also viele Beobachtungen zu machen, von absurden Stell-Dich-eins der gesamten High-Society geistlicher Führer beim großen Posh-Camp vom Pilot-Baba (böse (ehrliche?) Zungen nennen ihn auch Mafia-Baba). Eben noch bei der Army Pakistanis abgeschossen – was ihn nicht unbedingt in der Gunst der Hindus sinken lässt, im Gegenteil – schon bekehrt und zum großen Baba aufgestiegen – mit Riesen-Ashram in Russland. Wie das Business läuft, weiß er schonmal. So sieht es dann dort auch aus. Auf der Bühne die Babas, teils gelangweilt am SMSen (kein Scheiß!), ansonsten halt business as usual – ein bisschen in die zahlreichen Kameras posen, Späße mit dem Schneidersitz-Nachbarn, Nasebohren und natürlich an den Geschlechtsteilen kratzen – ausführlich und regelmässig, da sind auch die Babas und Sadhus ganz Inder geblieben. Sonst so? Viel Wiederholung, was aber wohl eher an meinen mangelnden Hindi-Kenntnissen und spärlichem Wissen um hinduistische Mythologie lag.

Mangel spürte ich dennoch die ganze Zeit. Irgendwie wars wie durch die Kirche laufen (so ich mich erinnere, schon ein wenig her) – viele Menschen praktizieren routiniert Rituale, die ihnen ganz selbstverständlich und Aussenstehenden ganz fremd erscheinen. Alles mögliche wird verbrannt, dazu wird gemurmelt, irgendwelche Personen vergöttert (sic!). Dass das den Akteuren wichtig ist, daran lassen sie keinen Zweifel: Ernste Gesichter, Hingabe, Demut. Alles dabei. Nur keine Freude, die vermag ich nur selten erspähen. Ich verstehe es nicht, muss endlich an die Hauptbadestelle, also da wo sich die 2-3 (je nach dem wie (aber-)gläubig man ist) Flüsse treffen. Da muss es doch passieren: Da muss sich die über Jahre, nein Jahrzehnte angestaute Vorfreude entladen. Da fallen die Tropfen auf den Kopf, da wird Unsterblichkeit verliehen. Wenn man sich da nicht freut, wo dann.

Doch: Auch hier diese Routine. Ein harter Kampf. Tausende, nein Hunderttausende mit dem selben Ziel. Ab in die Pfütze. Gerangel, Gedrängel. Wer schon in Indien war, weiß: Da kennen sie nichts. Da (und auch sonst in keiner Schlange oder jeder anderen Situation) wird kein Vortritt gelassen, nichtmal wenn es dem eigenen Ziel dienen würde, wird ein Schritt nach hinten gemacht. Vorwärts immer, rückwärts.. lassen wir das..

Wer vorne ist, tut, wie es sich gehört: Im Wasser stehend den edlen Tropfen über den Kopf geschüttet. Keine Miene verziehend. Raus aus dem Nass, abtrocknen, fertig. Das wars?

Shiva sei dank, war es das nicht: Der 10. Februar, die große Hoffnung. Der Hauptbadetag. Wir waren ab dem 6. da. War noch nicht so viel los, 10, 20 Millionen vielleicht, wer weiß das schon.. 4-5x Berlin vielleicht, also recht dünn besiedelt dieses Gebiet, das in wenigen Monaten schon nicht mehr existieren wird. Dann wird alles wieder abgebaut sein, die hunderte Strommasten, die zehntausenden Metallplatten, die das Fundament der Straßen bilden. Die 16 Photonen-Brücken, riesige Stahlkonstruktionen, die selbst Autos über den Ganges tragen. Dann übernimmt selbiger wieder das Ruder, das Tauwasser aus dem Himalaya wird sich mit den Wassermassen des Monsuns vereinen und das gesamte Gelände der 45 Millionen-“Stadt” wird verschwunden sein. Doch bis dahin füllt sie sich, Tag für Tag, sichtbar, irgendwann reissen die Menschenströme nicht mehr ab. Bis uns am 9. auffällt: Auweia, das wird eng. Unsere Vorbereitung: Wir gehen einfach nicht mehr raus aus dem Kerngelände, unser nobles Lager in Sektor 14 am Rande der Kumbh wird verlassen. Als wir es mal verliessen, um ans andere Ende zu gehen, gaben wir nach 5 Stunden Fußmarsch auf. Wir hätten vermutlich noch ewig laufen können. Nun aber galt es, an der Pole Position zu sein. Also die Nacht um die Ohren gehauen – wie stets: Die Nacht gehört den Lustigen und Obskuren, den Gierigen und Rumtreibern, den Wissenden und Gelangweilten. Bestens aufgehoben also harrten wir der Dinge, die da kommen mögen. Gegen morgen also ab zum Ganges, stunden vor dem Sonnenaufgang, der großen Show. Beeindruckendes hat sich gezeigt, ein unüberblickbares Meer an Menschen, gestrandet an ihrem heiligen Ganges, viele holy dips wurden da vor unseren Augen vollzogen. Kannten wir ja schon, soo spannend war das ehrlich gesagt nicht mehr. Die Stunden zogen sich, der Eindruck blieb: Kopf unter Wasser oder Kübel übern Kopf, die Miene bleibt versteinert. Also ein bisschen die zahlreichen Polizisten beobachtet: Top ausgebildet und mustergültig was Deeskalation angeht. Könnte sich so manch eine Staatsbrigade eine Scheibe abschneiden. Und dann war es soweit: Riesige Zäune markierten das Gelände wo die Show passieren sollte, in den Gängen die Polizisten, draussen das Volk. Und drinnen, also vielleicht 300 Meter am Ganges entlang, wurde es geräumt. Ab nach draussen, hier beginnt gleich die Show. Wussten wir, weswegen wir 5 Meter vom Ganges entfernt und direkt am Zaun geklammert standen. Und keinen Millimeter rückten, weder den zahlreich von hinten Drängenden noch den immer wieder die Masse auflockernden Cops von vorne. Bis es uns einleuchtete. Unser Platz war großartig, aber all diese Bühnen für die Fotografen und Kameramänner (also die paar wenigen anwesenden Weißen neben uns)  waren genau auf der anderen Seite des Platzes. Wo wird wohl die Show passieren? Wer hat da mal besonders gut mitgedacht?

Also aufgeben, jetzt, nach Stunden der Qual? Wir müssen da rein, das hilft nichts. Nur mit Presseakreditierung, so die bestimmte Ansage. Achso, ja, danke für die Auskunft. Also ein paar Meter weiter dann eben das Presseauftreten, unsere dilletantischen kleinen Kameras ausgepackt, ab an den Zaun, den Polizisten die Situation erklärt, wir müssen da rein. Was die reine Wahrheit wahr. Und, ach da sind ja unsere Kollegen. Kurz ein paar wichtigen Presseleuten gewunken, Reflexe funktionieren, alle haben brav zurück gewunken. Alles klar, die Kollegen warten schon auf euch, ab mit euch in den Weltpressebereich. Danke, Herr Wachtmeister.

Und da begann sie, die Show, keine 2 Minuten, nachdem wir an vorderster Stelle standen, ritten die ersten ein: Die, von denen alle seit Tagen, Wochen, Monaten sprechen. Die größten Freaks im Land der Freaks. Die heiligsten im Land der Heiligen. Die nacktesten im Land der Keuschheit. Die Naga-Babas. Anmutig wie man nur nackt in nichts als heiliger Asche gekleidet sein kann, ritten die ersten ein. Nur die Bärte noch länger als die Säbel, stolze Krieger auf stolzen Rössern. Und heiß waren sie, das war ihr Moment. Und das Volk dankte es ihnen. Das war der Moment als die Bombe platzte, alle flippten aus und endlich zeigte sich, was ich seit Tagen vermisste: Das Sinnstiftende, das Freudestiftende, die Exstase, die Transzendenz. Wozu soll Religion denn sonst dasein?

Und ich sollte die 5 verrücktesten Stunden meines Lebens erleben.

Doch diese sind nun wirklich in Worte zu fassen..
Doch, lieber Leser, die nächste Kumbh Mela kommt bestimmt, sag mir keiner, ich hätte sie euch nicht ans Herz gelegt.

Mir hat sie Roberto ans Herz gelegt – vielen Dank!

 

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