Best Case Scenario 

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Denn ich war viel zu lange zynisch

So schließt ein junger Mann sein Statement im „human mic“ und spricht vielen aus der Seele.
Wir sind vor dem Bundestag und wir sind die 99 Prozent.
Ein kurzer Einblick in die junge Occupy-Bewegung.

17. September 2011 ist es soweit – Menschen jedes Alters und jeder Herkunft haben es satt. Sie besetzen die Wall Street. Wenige Wochen später sind ihnen zehntausende gefolgt – in mittlerweile mehr als 1500 Städten weltweit. Sie haben es satt, von 1% der Menschheit gegeiselt, gesteuert und an der Nase herum geführt zu werden. „We are the 99 percent“ die nicht von dem System profitieren. Die täglich ärmer, fremdbestimmter, bedrängter uvm. werden. Zugunsten einer kleinen, selbsternannten Elite. Der einprägsame Claim trägt die Bewegung – doch was will sie, fragen sich viele.

“Lasst euch nicht umarmen!”

„Alles, was wir jetzt sagen, kann uns weggenommen werden – alles, nur nicht unser Schweigen.“ schließt Slavoj Žižek seinen klugen Artikel auf sueddeutsche.de. Die Bewegung ist jung und noch nicht bereit, Konzepte vorzustellen, die eine bessere Welt möglich machen. Doch sie ist dran. Im ersten Schritt geht es darum, überhaupt eine neue Kommunikation zu erproben. Die Bewegung ist gewaltfrei – auch in ihrer Kommunikation. Das erfordert bewußten Umgang miteinander, Zeit miteinander. Spannend ist, wie sich weltweit parallel die Camps entwickeln – ich war bislang in den Camps in Berlin, Zürich und Hamburg. Welcher Austausch stattfindet, wie sich die basisdemokratische Bewegung eigene Sprache und vor allem eigene Zeichen aneignet – nicht alles ist neu, doch zeichnet sich hier grenzübergreifender Austausch ab, der von gegenseitigem Respekt und der Bereitschaft, von einander zu lernen, geprägt ist.

Das alles ist nur schwer von aussen zu verstehen.

Eine Auseinandersetzung vor Ort ist unerlässlich, dafür stehen die Camps ja auch an zentralen Orten – und freuen sich über interessierte Besucher. Jedes Camp hat auch täglich das Plenum, die Vollversammlung oder auch Asamblea genannt – hier kann man sich vermutlich am besten einen Überblick über die die Camper beschäftigenden Themen verschaffen. Und wird im besten Fall sofort integriert, wenn man das möchte. Leider nicht immer, auch das habe ich schon anders erlebt. Die Gruppen haben keinen leichten Auftrag. Sie stehen inmitten des Rampenlichts – auch wenn die Presse nur verhalten und sporadisch berichtet. Sie müssen ihr tägliches Leben organiseren – neben den Herausforderungen des Camps. Sie müssen sich jeden Tag neu in ihrer Gruppe organisieren – die Basisdemokratie bedeutet auch, keine (so wenig wie möglich) festen Strukturen aufzubauen und jeden Tag kommen neue Mitstreiter hinzu. Und sie dokumentieren auch noch ihre Fortschritte, Aktionen, Gedanken – übrigens überaus kompetent, wie die Vielzahl an tumblr-Weblogs, Webseiten, Twitter, Facebook-Pages, Veranstaltungseinladungen, Flyer, Plakate, Lifestreams von Aktionen und Plenen usw. beweisen.

„..alles, nur nicht unser Schweigen“

Von Schweigen kann man hier nicht reden. Doch von klaren Positionen, wie es die „Politik-Etiquette“ so vorgibt, ist man auch weit entfernt. Diese Diskussion flammt immer wieder auf – geben wir eine offizielle Meinung von „Occupy XYZ“ heraus. Gibt es die überhaupt? Kann es die geben? Alle wichtigen Entscheidungen werden in der Asamblea getroffen – im Konsensprinzip. Themen werden in Arbeitsgruppen ausgearbeitet, wieder eingebracht, heiß diskutiert, vielleicht nochmals in der AG weitergedacht. Echte Basisdemokratie ist ungewohnt: – so sprach auch der Berliner Okkupist durch das menschliche Mikrofon, dass in Berlin die Bewegung prägt – die kurzen, prägnanten Wortblöcke des Redners werden je nach Größe der Gruppe 2x oder öfters wiederholt, vom innersten Kreis um den Sprecher bis hin zu den weitest entfernten Zuhörern – eine bewußte Sprache mischt sich mit einer hohen Verbundenheit in der Gruppe – „es ist – anstrengend – doch nach – drei Tagen – gewöhnt man sich – daran – seinen Frust – auszusprechen“.
Was verbindet, ist das Gefühl, dass Veränderung nötig ist. Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass wir alle viel zu lange zynisch waren.

 

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